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Medienentwicklung

Das Ende der Maus

"Mann, digitales Blattmachen macht echt wieder Spaß!" freut sich Lukas Kircher im Hinblick auf die technischen Möglichkeiten des iPad. Der Geschäftsführer von KircherBurkhardt, Berlin, erwartet sogar neue journalistische Erzählformen in einer Art "Hybridjournalismus".

Das Ende der Maus
Lukas Kircher, KircherBurkhardt, Berlin

In den Augen der Verleger und Chefredakteure flackert so ein Leuchten, wenn es um Apples neuesten Streich, das iPad, geht. Jahrelang waren sie von Experten wie Google-Optimierern, Monetarisierungstheoretikern und Wiederverwertern von Content als Füllmasse zwischen Anzeigen gequält worden. Irgendwie war das kein Journalismus. So mischt sich in die auf Erfahrung mit dem letzten Hype begründete Skepsis der Publizisten immer stärker die Hoffnung, mal wieder ordentliche journalistische Produkte für Geld verkaufen zu können. Innovative Premium Produkte.

Ich glaube, sie haben Recht. Wir kreuzen gerade das abgeschlossene Leseerlebnis und den Tiefgang einer gedruckten Zeitung mit der Aktualität und der Interaktion des Internets. Jeden Tag, den wir mit der Konzeption von Anwendungen für das iPad verbringen dürfen, verstärkt den Eindruck: Mann, digitales Blattmachen macht echt wieder Spaß!

„Exploratives Wühlen“
Das iPad ist die perfekte Plattform für Journalismus. Ein Quantensprung in der Möglichkeit, Inhalte einfach und intuitiv zugänglich und verständlich zu machen. Ein Computer ohne Computer. Der Anfang vom Ende der Maus, des Trackpads, der Pfeil- und Funktionstasten, dieser ganzen Armada an umständlichen Prothesen, die immer auch ein bisschen Ausdruck der Komplexität und Sperrigkeit von Computern waren. An die Stelle von pseudo-effizientem Klicken durch die Untermenüs einer Druckertreiber-Installation tritt das aufregende, explorative Wühlen in Inhalten mit unseren Händen, das wir aus unserer Kindheit kennen.

Die Universität zum Mitnehmen?
Das iPad und seine vielen Nachfolger werden viel verändern. Die Art und Weise wie wir lernen – E-Learning ohne geografische oder zeitliche Beschränkung, eine Universität zum Mitnehmen. Brettspiele – endlich „Siedler von Catan“ spielen ohne das nervige Aufstellen. Produktkommunikation – der Katalog der Zukunft zeigt mir bereits im Geschäft wie mein neues Wohnzimmer mit rotem Stoff auf der Couch aussieht. Bücher – interaktive Bücher verbinden Lesen mit Spielen. Sie werden leise aber nachhaltig viele der komplizierten und anfälligen PCs zu Hause verdrängen.

Auch wenn Medien zur Zeit durch ihre publizistische Vormachtstellung den revolutionären Charakter der Tablet PCs für sich beanspruchen: Die eigentlichen Treiber für die Verbreitung solcher Devices werden Weiterbildung, Spiele und die Ablöse anfälliger Home PCs sein. Meine fünfjährige Tochter verlangt jetzt frühmorgens das "Brett", um darauf interaktiv Mathematikaufgaben zu lösen.

Lernen und Wissen hat viel mit Erfahrung zu tun. In vielen Klassenzimmern ist der Lehrer der einzige, der viel und gerne lernt. Weil er im Unterricht pädagogische Probleme lösen muss ("wie soll ich das heute erklären"), während die Schüler nur zuhören müssen. Geräte wie das iPad sind in der Lage, Wissen innovativ zu vermitteln. Vielleicht sehen wir in zehn Jahren den Zeitungsverlag stärker in der Aus- und Weiterbildung von Menschen, nicht nur in der kommentierten und gewichteten Weiterverbreitung von Nachrichten.

Die Frage, die sich ganz konkret für uns stellt, ist, wie wir als Storyteller am Besten auf die neue Multitouch-Benutzeroberfläche reagieren. Derzeit wird in den Verlagshäusern im Bezug auf das iPad viel über generelle Benutzerführung (Print- oder Internet Metaphern), Distributionsstrategie (mit oder gegen Apple) und technische Feinheiten (iPad, WePad oder kein Pad) gesprochen. Die wenigsten überlegen sich schon, was dieses Gerät für das Storytelling bedeutet. Es geht nicht nur darum, welche bestehenden Inhalte in so ein Gerät gegossen werden, sondern wie man völlig neuen Wahrnehmungsmodalitäten gerecht werden kann. Hier bietet sich für uns die Möglichkeit, schneller, besser, eindringlicher zu erklären, worum es bei einer Sache geht.

Der Leser wird ein Thema zunächst scannen und dann nach freiem Ermessen interessante Details antippen, zoomen, wegschieben, durchblättern oder bündeln - und in immer abenteuerlichere Tiefen vordringen. Die technischen Möglichkeiten werden das Feld für neue journalistische Erzählformen öffnen. Wir nennen das „Hybrid-Journalismus“, eine Erzählform, bei der Struktur und Dramaturgie der Erzählung gleichermaßen graphisch und textuell ablaufen.

Ein bisschen wie die Mischung aus Fernsehen, Print-Journalismus und einem feinen Computerspiel.

Hier haben wir die Chance, Journalismus auch digital wieder ein bisschen „magisch“ zu machen. Das ist die Rückkehr der Kreativen an die Spitze der digitalen Wertschöpfung, die Ablöse des Primats der Suchmaschinenoptimierer. Können wir Inhalte aufregend designed, intelligent, hilfreich und unverzichtbar für Leser machen? Dann können wir es auch verkaufen.

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© CPWISSEN 20.04.2010 10:00



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