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Chinas Angriff auf Amazon

Nestlés "Echo-Klon" – die Markthintergründe

Am 17. September führte Lebensmittelriese Nestlé zusammen mit Alibaba-Konkurrent JD.com seinen ersten KI-gestützten Ernährungsberater ein. Die Software steckt in einem Lautsprecher namens DingDong, einem Abbild von Amazon Echo. Worum es wirklich geht.

DingDong

Hat es irgend etwas mit uns zu tun, wenn Nestlé in China einen Echo-Klon mit Ernährungstipps bespielt? Schließlich bleibt dem globalen Player in dem restriktiven Land kaum eine andere Wahl als mit Anbietern vor Ort Deals einzugehen, um im lukrativen Markt mit neuen Kommunikationstools mehr Umsatz erzielen zu können. Stimmt.  

Doch der Deal von Nestlé, seine KI-Software XiaoAI eng mit der E-Commerce-Plattform JD.com zu verflechten, birgt mehr Zündstoff: Er könnte Nestlé in eine Pole-Position im Ernährungsmarkt weltweit bringen und zu einem Schlüsselunternehmen im Markt der Sprachassistenten dazu. Dann nämlich, wenn JD.com seine gepflegte Zurückhaltung in Westmärkten aufgibt. Sein Ehrgeiz und Expansionsdrang sprechen dafür – ebenso seine immer engeren Kontakte zu Westmarken und Verflechtungen mit Westhändlern wie beispielsweise dem Hamburger Onlinehändler Otto.  


JD.com ist kein Nobody 

Die E-Commerce-Plattform JD.com hat sich mit 258,3 Millionen aktiven User Accounts als Lieferant von Hightech- und KI-fähigem Gerät – von der Drohne bis zum Roboter – international den ersten Platz gesichert und testet selbst vollautomatisierte Lieferservices über Drohnen und selbstfahrende LkW. Damit konkurriert JD.com (Marktanteil in China: 24,7%, iResearch China) auch heftig mit Chinas führender Plattform Alibaba und deren Tmall.com-Service (Marktanteil in China: 56,6%). In vier Jahren will JD-Chef Richard Liu den Kampf um die Spitze ausgefochten haben.

Unterstützt wird er von einem ausgetüftelten Analysesystem, das Verkaufstrends nahezu in Echtzeit bewertet, sowie  von einem überzeugenden Geschäftskonzept: Liu verkauft und versendet ausschließlich über eigene Lager und vermeidet damit weitgehend das Angebot gefälschter Ware durch Dritthändler – in China ein großes Thema und USP gegenüber Alibaba. 

So gerüstet, gelang JD.com Ende 2016 der nächste Schritt, der auch Amazon in die Parade fahren könnte. In Zusammenarbeit mit Chinas größtem KI-Sprachtechnik-Anbieter Iflytek entstand DingDong. Das intelligente Lautsprechersystem steht Amazon Echo nichts nach. In China hat Amazon mit einem Marktanteil von gerade einmal 0,8 Prozent sowieso nicht viel zu melden. Der Markt ist mit rund 700 Millionen Internetnutzern aber hochattraktiv. Und dann wären da noch attraktive Länder wie die USA oder Europa. JD.com ist hier bereits unter Joybuy.com unterwegs, wenngleich noch bescheiden. Liu will Platzhirschen wie Amazon und Ebay nicht herausfordern.


Attraktives Umfeld

Zugleich knüpft er wertvolle Kontakte. Eine German Mall auf JD.com beispielsweise lädt deutsche Markenartikler ein, ihre Ware in einem gesonderten Kanal aufmerksamkeitsstark unter dem Label "Made in Germany" zu präsentieren. Chinesen schätzen deutsche Ware und haben inzwischen offenbar selbst immer weniger Interesse an den ewigen Plagiaten aus dem eigenen Land. Otto hat gar seit 2015 ein Joint Venture mit JD.com.

Nestlé hat seinen Ernährungsberater XiaoAI – er wird in limitierter Auflage auf JD.com angeboten – also sehr gezielt in ein attraktives Umfeld technikaffiner Zielgruppen und in einen Markt mit beinahe unendlicher Wachstumsfantasie positioniert. Mit seiner Ernährungsberatung adressiert der Konzern zudem ein Massenthema, das Menschen in China ebenso bewegt wie in den USA oder Deutschland. Laut dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) leidet einer von drei Menschen weltweit unter irgendeiner Form von Fehlernährung.  

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© CPWISSEN am 11.10.2017 13:19

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