.: Personalien
Vision verloren

Warum Censhare CEO Dieter Reichert und CFO Stephan Wehselau rauswirft

Der Aufsichtsrat von Censhare entlässt seine Vorstände, CEO Dieter Reichert und CFO Stephan Wehselau, mit sofortiger Wirkung. Was das für das Unternehmen bedeutet.

Dieter Reichert

Was ist los bei Censhare? Und was ist Censhare ohne seinen Visionär Dieter Reichert? Die Spekulationen schlagen Wellen. Die offizielle Erklärung von einer „unterschiedlichen Auffassung über die strategische Ausrichtung des Unternehmens zwischen drei von vier Hauptaktionären, und damit dem weit überwiegenden Teil des Gesellschafterkreises, sowie dem Aufsichtsrat auf der einen und Dieter Reichert sowie Stephan Wehselau auf der anderen Seite“ klingt kryptisch, erklärt dennoch einiges zwischen den Zeilen.

Nämlich, dass neben dem Hauptaktionär Dumont (knapp 40 Prozent) auch die beiden langjährigen Weggefährten Robert Motzke und Walter Bauer, neben Reichert Gründungsgesellschafter, die Palastrevolution mit angezettelt haben. Es geht ums Geld, das nicht so fließt, wie erhofft. Von „signifikant und nicht akzeptablen Planverfehlungen der letzten Quartale“ ist die Rede. Und Reichert sei schuld.

Schuld, weil er die 360-Grad-Sicht bei Censhare implementieren wollte, die weit über den Tellerrand klassischer, template-fokussierter Publishingsysteme hinaussieht. Schuld, weil er auch Targeting, Leadgenerieren und Zielgruppensegmentierung an Censhare delegieren wollte. Schuld, weil er das Publishingsystem zum Marketingsystem weiterentwickeln wollte.

Klar ist, solche Entwicklungen bekommt man nicht geschenkt. Im Frühjahr kaufte sich Censhare mit Mehrheitsbeteiligung bei 360dialog, Berlin, ein, Anbieter eines Managementtools für Real-Time-Customer Interaction. Auch die Düsseldorfer Agentur Kontrast, Anbieter von Marketing Cloud Services, stand auf dem Einkaufszettel. Nach Dumonts Einstieg sollte die finanzielle Basis dazu vorhanden gewesen sein – und beide Einkäufe erweiterten zudem das Marketing-Technologie-Portfolio der Du Mont Mediengruppe, die ja selbst auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen ist.  

Noch verdient Censhare mit dem Verkauf von Publishingsystemen, vor allem der nachfolgenden Releases. Bricht das Geschäft ein, sollte man also zunächst prüfen, ob mit diesen beiden Parametern etwas nicht stimmt. Ist das Publishingsystem vielleicht zu teuer für den so nicht länger vorhandenen Bedarf bei einem sich verändernden Printgeschäft? Bieten die Releases zu wenig echten Fortschritt? Steckt Censhare in der iPhone-Falle, weil hier wie dort der Bedarf gesättigt und nicht wirklich faszinierendes mehr nachkommt?

 

Hinter der personellen Entwicklung bei Censhare ergeben sich Fragen, die die gesamte Branche betreffen. Sie steht vor Umwälzungen, die noch viele Geschäftsmodelle schmerzlich in Frage stellen wird. Zum Beispiel die nach der Sinnhaftigkeit großer Enterprise-Software-Lösungen generell. Die Forderung an Marketing und Kommunikation nach Tempo und Flexibilität im Kundendialog braucht heute ein Wirkungsgstool, morgen mehr Bildanalyse, übermorgen vielleicht eine gezieltere Datensegmentierung und mehr Lead Nurturing – und immer in neuester, auch mobiler Version.

Welches System sollte das alles leisten? SAP flog im August mit seinem Software-Mammut, dem Warenwirtschaftssystem, schon während der Einführungsphase bei Lidl raus. Die Zeit der Riesen läuft ab – die der Visionäre nicht. Was Dieter Reichert vor zehn Jahren zur künftigen Nutzung von persönlichen Gesundheitsdaten vorhergesagt hat, die – im Chip unter der Haut – beispielsweise beim Unfall vom Arzt ausgelesen werden können und ihm das gesamte Krankheits- und Risikoprofil des Patienten mitteilen, wer lächelt heute noch darüber? Als Interims-CEO hat Jürg Weber übernommen – auch die Aufgaben des geschassten CFO Stephan Wehselau. Weber hat sich seine Meriten beim Aufbau der erfolgreichen Schweizer Censhare-Tochter verdient. Er soll in den kommenden Monaten wieder „die Kernkompetenzen von Censhare in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellen“. Brot und Butter statt Vision. Aber auch Zukunft? 

Pia Dahlem

© CPWISSEN am 24.09.2018 16:29

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