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Upload-Filter

"Unternehmen sind gut beraten, frühzeitig eigene Kommunikationskanäle zu etablieren"

Die EU will mit Upload-Filtern verhindern, dass Content die Urheberrechte Dritter verletzt. Andreas Gerauer, CTO und Co-Founder von Tickaroo warnt im Gespräch mit CPWISSEN vor Risiken und sieht sogar Geschäftsmodelle in Gefahr.

Andreas Gerauer

Upload-Filter sollen verhindern, dass kein User Generated Content und kuratierter Inhalt auf Plattformen hochgeladen wird, der die Urheberrechte Dritter verletzt. Mit der geplanten Reform des Urheberrechts stellt das EU-Parlament die Weichen für solche Filter. Die Reform soll noch vor den nächsten Europawahlen im Mai verabschiedet werden.  

CPWISSEN sprach mit Andreas Gerauer, CTO und Co-Founder von Tickaroo, einem Anbieter von Live-Content-Technik über Konsequenzen für die Kommunikation:

Herr Gerauer, wer wird von dem geplanten EU-Gesetz profitieren?
Die Big Player, traditionelle Medien, die ihren Content selbst kuratieren und große Unternehmen wie Facebook oder Google. Sie haben die Manpower sowie technologische, personelle und finanzielle Ressourcen und außerdem bei Entwicklung und Implementierung entsprechender Algorithmen wertvolle Vorarbeit geleistet. YouTube setzt bereits seit einigen Jahren auf das sogenannte Content-ID-System, das neue Uploads und bestehendes Material auf der Plattform nach Urheberrechtsverstößen durchleuchtet. Gleichzeitig profitieren Start-up-Entrepreneure oder Digitalagenturen, die mit ihren Technologien das Werkzeug entwickeln, damit Unternehmen in Zeiten des Upload-Filters weiterhin bestehen können.

Und die Abmahn-Industrie steht bereits in den Startlöchern...
Im Frühjahr blieb die bei der Einführung der DSGVO befürchtete Abmahnwelle zwar aus, trotzdem bringt jede neue Regulierung ein neues, potenzielles Geschäft für Anwälte und Rechtsberatungen mit sich. Ähnliches ist auch durch die nun diskutierte Änderung des Leistungsschutzrechts und Urheberschutzes zu erwarten. Auch hier besteht die Befürchtung, dass die geplanten Upload-Filter zum Segen für auf Abmahnungen spezialisierte Anwälte werden könnten, die verfügbare Softwareangebote gezielt nach Schwachstellen durchleuchten.  

Was bedeuten die Filter für Unternehmen, die selbst Inhalte veröffentlichen?
Vorgesehen ist, dass die Plattform selbst für die bereitgestellten Inhalte haften muss. Kann die Plattform die Mammutaufgabe stemmen, einen wirkungsvollen und funktionierenden Filter zu installieren, steht Unternehmen dieser Kanal weiterhin zur Verfügung. Möglich ist allerdings, dass Plattformen wie YouTube Content in vorauseilendem Gehorsam auch dann sperren, wenn eigentlich kein Urheberrechtsverstoß vorliegt, um möglichen Strafen zu entgehen. Um beim Beispiel YouTube zu bleiben: Als hier vor einigen Jahren das Content-ID-System eingeführt wurde, häuften sich die Beschwerden über zu Unrecht geblockte Inhalte. Im schlimmsten Fall müssen Unternehmen davon ausgehen, dass es die Vielfalt an Plattformen einfach nicht mehr gibt. Sie sind daher gut beraten, schon frühzeitig eigene Kommunikationskanäle zu etablieren, etwa in Form eines Firmenblogs.

Was bedeuten die Filter für Unternehmen, die Werbung auf diesen Plattformen schalten?  
Unternehmen können sich immerhin sicher sein, dass ihre Werbung nicht neben Content erscheint, der möglicherweise die Urheberrechte Dritter verletzt. Aber: Die Werbenden haben natürlich ein Interesse an Interaktivität und möglichst langer Verweildauer auf der bezahlten Seite. Kommt es zu Sperrungen, obwohl eigentlich kein Rechtsverstoß vorliegt, leiden diese Werte. Vor allem die Interaktion auf den Seiten nimmt rapide ab, wenn die Hürden zum Upload von Content  hoch sind und Nutzer das Gefühl bekommen, ihr Input in Form von Kommentaren, Videos oder Bildern seien  unerwünscht.

Wer sind die großen Verlierer?
Die Zahl der Verlierer könnte größer kaum sein - die gesamte Internetkultur steht auf dem Spiel. User-Generated Content, wie er heute auf sozialen Netzwerken nach Belieben geteilt wird, steht an einem Scheideweg - der Nutzer von heute wird in seiner digitalen Freiheit massiv eingeschränkt. Aber es geht noch weiter: Der Upload-Filter gefährdet ganze Geschäftsmodelle - kleine Unternehmen, Start-ups oder junge, aufstrebende Online-Medien werden es schwer haben, die technologischen Rahmenbedingungen umzusetzen. Sich im Online-Business behaupten zu können, wird deutlich erschwert.

Welche Geschäftsmodelle sind konkret in Gefahr?
Konkret betreffen die neuen Regelungen eigentlich jedes Unternehmen, das User-Generated Content zur Verfügung stellt und Nutzer oder Konsumenten die Möglichkeit haben, online und öffentlich mit dem Unternehmen zu kommunizieren. Also nicht nur Big Player wie die herkömmlichen Sozialen Netzwerke, sondern auch Medienhäuser, die unter ihren Artikeln Kommentare zulassen. Auch kleine Unternehmen, Blogs oder Onlineforen müssen sich warm anziehen.

Wie können Upload-Filter technisch funktionieren?
Heute signalisieren Publisher bei YouTube Content, der urheberrechtlich geschützt ist und entsprechend überwacht werden soll – beispielsweise ein urheberrechtlich geschützter Song. Die Video-Plattform legt dann für diesen Song einen digitalen Fingerprint an und gleicht diesen bei jedem Neu-Upload ab. Die Technik erkennt automatisch, wenn dieser Song in einem Video enthalten ist und somit das Urheberrecht verletzt wird. Im Zuge des Upload-Filters wird das aber nicht reichen. Denn jedes Bild und jeder Text müsste überprüft werden und zwar egal, ob sie vom Rechteinhaber vorher als geschützt identifiziert wurden oder nicht. Die zu treffenden technologischen Maßnahmen werden dadurch für alle Internetplattformen zu einer enormen Hürde. Zumal die technische und organisatorische Umsetzbarkeit bislang in der Praxis noch nicht bewiesen werden konnte.


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© CPWISSEN am 07.12.2018 10:23

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