.: Strategie
Aufruf an die Auto-Kommunikationsprofis

Machen Sie es besser, Herr Howe!

Was ist nur los mit den deutschen Medien? Unausgewogenheit wirft ihnen Medienwissenschaftler Michael Haller in seiner Studie „Die Flüchtlingskrise in den Medien“ vor, mit Schludrigkeit argumentiert Daimlers Kommunikationschef Jörg Howe. Eine Soll-Analyse für Kommunikationsprofis von CPWISSEN-Chefin Pia Dahlem.

Auto Content

Mit dem Tempo der Nachrichtenübermittlung nehme der Tiefgang der Recherche in deutschen Medien ab, lautet unisono der Warnruf aus Wissenschaft und Wirtschaft. Somit wäre doch jetzt exakt die Gelegenheit für Kommunikationsprofis in den Unternehmen, es besser zu machen. Schließlich haben sie bereits mächtig aufgerüstet, um mit Content zu überzeugen. Daimler beispielsweise hat inzwischen nicht nur seine eigene Agentur Antoni mit Ex-Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann an der Spitze. Die Stuttgarter bringen gerade auch den Kauf ihrer eigenen Digitalagentur Cinteo – noch Teil der Diconium-Gruppe – unter Dach und Fach.

Kommunikativ hochgerüstet steht Deutschlands Autoindustrie im Sommer 2017 da. Argumentativ aber ähnelt sie einer Laiengruppe. Wo bleiben die Content-Divisionen in der Abwehr der aktuellen Angriffe von außen? „Dieses Imageprogramm für US-Konzerne kann sich kaum einer besser ausdenken“, witzelt Daniel Saurenz in Axel Springers Wirtschaftsmagazin Bilanz darüber, dass Medien die deutschen Autobauer gerade ungeniert an die Wand nageln.

Die begossenen Pudel 

Volkswagen lässt sich eine Standpauke halten, weil die Kommunikationsabteilung den Entwurf einer 2015 (!) von Ministerpräsident Stephan Weil gehaltenen Rede auf dessen Wunsch vorab auf Fakten gelesen und mit Änderungsvorschlägen versehen hat. SPD-Weil warf in dieser Rede den Wolfsburgern vor, die Abgasmanipulationen zu spät eingeräumt zu haben.

Daimler, BMW, VW, Audi und Porsche sehen sich zeitgleich dem von Spiegel ausgegrabenen Vorwurf ausgesetzt, in angeblich geheimen Zirkeln Absprachen getroffen zu haben. Und dass alle deutschen Premium-Autohersteller die bundesdeutsche Bevölkerung mit Stickoxiden „vergasen“ wollen (O-Ton eines WDR-Redakteurs), scheint keine Frage mehr.

Mehr Fakes als Fakten

Es sollte aber eine sein. Der sogenannte Dieselskandal entwickelt sich bei näherem Hinsehen als wirtschafts- und umweltpolitisches Zusammenspiel von Unternehmen, Landes-, Bundes- und EU-Politikern, wobei man den Politikern keinesfalls einen Freibrief ausstellen darf. Oder haben sich EU-Politiker etwa ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was sie mit einem CO2-Grenzwert für den Flottenverbrauch auslösen?

Preisabsprachen sind bislang nicht nachgewiesen, Wertverluste der betroffenen Firmen an der Börse dagegen schon. Und dass ein Politiker in einer Aktienkurs-sensiblen Phase heikle Fakten mit einem Unternehmen abstimmt, ist zunächst ein Akt barer Vernunft.

Google, wir loben Dich!

Die Medien versagen als Meinungsbildner in dem Maße, wie sie zweckorientiert dem Hypebuilding den Vorrang vor der Recherche einräumen. Klicks kassiert, wer den schnellsten Alert produziert. Google belohnt den Paste&Copy-Journalismus mit den besten Plätzen im Such-Ranking.

Der ungefilterte Content-Klau wird zum KPI der klassischen Medienwelt, die Forderung nach einem First Time to Market zum Schlüsselindikator der Halbinformation. Google, wir loben Dich!

Aber was macht die Autoindustrie, Leuchtturm der deutschen Wirtschaft, verantwortlich für gut 400 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 800.000 Arbeitsplätze? Sie steckt den Kopf in den Sand und hofft, dass der Sturm bald über sie hinweggefegt sein wird, ohne dass sie zu viele Federn lassen muss.

Dabei wäre jetzt die Gelegenheit, Gerüchten, Halb- und Unwahrheiten sowie blühendem Unsinn und Gehässigkeiten endlich Fakten entgegenzusetzen. Doch aus den Presseabteilungen kommt kaum mehr als Business as Usual: „Tiguan ab sofort bestellbar“, „Meet & Greet mit dem Formel 1-Weltmeister“ oder „32 BMW i3 an Staatsminister Joachim Herrmann übergeben“.


Kommt heraus, Ihr Content-Profis! 

Wo bleiben die Content-Verantwortlichen? Machen sie Urlaub? Drehen sie Däumchen? Oder putzen sie zur Abwechslung gerade mal wieder ein Fachinterview durch bis es für den Firmenchef garantiert keimfrei ist – und überlassen den Content doch lieber den Werbern? Dann allerdings ist es schlecht bestellt um die Zukunft der inhaltlichen, sprich journalistisch geprägten Auseinandersetzung zwischen Unternehmen, Kunden und Mitarbeitern. Denn wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit reif für einen ernsthaften Diskurs?

Der Standort Deutschland war selten in größerer Gefahr. Dabei geht es längst nicht nur um den Dieselmotor, um Preisabsprachen oder eine Ministerrede aus 2015, die aus wahltaktischen Gründen just jetzt an die Öffentlichkeit gezerrt wird.

Es geht auch um die Zukunft der Mobilität, um die Ökobilanz einer einseitigen Elektrifizierung des Automobils, um die Zukunft deutscher Unternehmen in den USA und um viele Arbeitsplätze. Wackelt die Autoindustrie hierzulande, droht ein Dominoeffekt, der auch vier Fünftel der Wertschöpfung in den Zulieferbetrieben gefährdet. Nur einmal angenommen, die chinesische Wirtschaft bekäme dann noch einen ernsthafteren Husten...

Reden wir also drüber!

Pia Dahlem 

 

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© CPWISSEN am 07.08.2017 18:10

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Kommentar von Ralf Banitzki |

Frau Dahlem, danke für diesen Artikel! Teile ich voll und ganz. In den meisten Artikeln über den Dieselskandal bekommt man den Eindruck, als würden Gärtner über die Neukonstruktion von Flugzeugen sprechen. Und alle „laufen“ blindlings hinterher.