.: Strategie
Horst Moser, Independent Medien-Design

Es gibt ihn nach wie vor, diesen Enthusiasmus für gedruckte Zeitschriften

Europas gößte Editorial-Design-Konferenz ›QVED‹ heißt jetzt ›ED:CH‹. Geht es um die Überraschung, das Surprise me, als DNA der Designer? Oder steckt mehr dahinter? Wir fragen den Gründer und Kurator Horst Moser, Chef des Designbüros Independent Medien-Design in München und Zürich.

Horst Moser

Horst Moser (*1951) ist Editorial-Designer, Zeitschriftenkonzeptioner, Verleger, Art Director, Autor und Inhaber des Designstudios independent MedienDesign in München und Zürich. Er verantwortet Konzeption und Art Direction für zahlreiche Zeitschriften im In- und Ausland und wurde bekannt als Autor des internationalen Standardwerks über Editorial-Design »Surprise me«.

 

Herr Moser, die Qved entwickelte sich zu Europas größter Editorial-Design-Konferenz und ist Treffpunkt für Art Direktoren und Designer, Fotografen und Infografiker. Was wollen Sie noch mehr?
Horst Moser:  Boris Kochan und ich haben vier Jahre lang ›QVED‹ (Quo Vadis Editorial Design?) veranstaltet. Wir hatten die bedeutendsten Designer der Welt als Sprecher. Es ist nicht möglich, das langfristig zu steigern. Es gibt zwar immer wieder exzellente Gestalter, die aber noch völlig unbekannt sind. Ich hatte mit Richard Turley von Bloomberg Business Week einen der besten Editorial-Designer als Sprecher bekommen. Aber wir brauchen Stars, die in der Branche den Impuls auslösen: »DEN oder DIE muss ich unbedingt sehen«.


Deshalb erweitern Sie jetzt das Themenspektrum?

Ja, wir wollen nicht nur die Spezialisten für das Visuelle, sondern auch alle anderen, die an Print oder an digitalen Medien beteiligt sind. Und da ist in erster Linie der Inhalt wichtig. Wir sprechen Verleger ebenso wie Blattmacher oder Journalisten an. Denn mir war das immer wichtig: Inhalt und Form. Der Arbeitsprozess ist ohnehin atomisiert worden. Wenn ich  vergleiche, wie wir für Siemens noch vor sieben Jahren gearbeitet haben. Da gab es Budgets und ein Themenspektrum für die Lead-Magazine. Da gab es Aufträge für digitale Medien und Filme. Heute müssen wir hundert Angebote für einzelne Themen schreiben, von denen man nicht ganz genau weiß, auf welchem Kanal sie veröffentlicht werden. Bei dieser Arbeitsweise ist es völlig klar, dass zum Beispiel bei Print-Magazinen eine Komposition, eine Heftdramaturgie fast nicht mehr möglich ist. Das ist nicht nur bei Siemens so, sondern bei allen großen internationalen Unternehmen. Bei ED:CH (Editorial Changes) wollen wir wieder den Blick auf das große Ganze, aufs Gesamtkunstwerk ermöglichen.


Der Innovationsdruck wird nicht abnehmen – im Gegenteil



Welche Highlights sollte man 2017 keinesfalls verpassen?

Zum Beispiel Luis Venegas. Und da schaue ich in staunende Gesichter, die fragen »Luis Who?« Luis kommt aus Spanien und hat als Wunderkind bereits eine stattliche Anzahl von Magazinen gestaltet, die er auch meist gegründet hat. Eines heißt Fanzine 137, ein anderes Candy, außerdem Ey und ein schräges Hunde-Magazin. Der Bekanntheitsgrad ist in Deutschland nicht sehr hoch. Vielleicht wird seine Bedeutung klarer, wenn man die Leute aufzählt, die mit ihm in diesen Magazinen gearbeitet haben: Steven Klein, Christian Lacroix, Tom Ford, Richard Prince, Linda Evangelista, Bruce Weber, Juergen Teller, Carolina Herrera und viele andere. 

Ein großes Anliegen war mir auch, dass wir uns mit der Zukunft der Branche beschäftigen, denn in den nächsten zehn Jahren werden die Umwälzungen gigantisch sein. Key-Note-Speaker wird Bernd Flessner, Zukunftsforscher am Zentralinstitut für angewandte Ethik und Wissenschaftskommunikation an der F. A.-Universität Erlangen-Nürnberg sein. Sein Vortrag »Die Zukunft der Kommunikation« wird viele erschrecken, aber es gibt natürlich auch tolle Chancen.
Aus England kommt Jonathan Barnbrook, auf dessen Referenzliste Namen wie David Bowie und Damien Hirst stehen. Für Bowie hat er fast alle Cover gestaltet und beide verband ein enges freundschaftliches Verhältnis.
Zum erweiterten Editorial-Begriff gehören auch Drucker. Gerhard Steidl wird einige Zeitungs- und Zeitschriftenprojekte vorstellen.

Ein interessantes Projekt ist auch MO:DE, ein Magazin, das unter der Leitung von Giovanni di Lorenzo an der Akademie für Mode und Design in München entstand. Ich selbst halte auf jeder Konferenz ebenfalls einen Vortrag. Mein diesjähriges Thema ist Portraitfotografie auf Zeitschriften-Titelseiten und in Geschäftsberichten. Der Titel lautet: »Das Gesicht als Aufmerksamkeitsmaschine«.

 

Bitte eine Prognose für die nächsten fünf Jahre: In welcher Form hat Print in der Unternehmenskommunikation eine Überlebenschance – und sagen Sie uns jetzt bitte nicht nur »als qualitativ hochwertiges Produkt«. Mit diesen Attributen konnte man Marketer noch nie wirklich überzeugen.
Der Zukunftsforscher Bernd Flessner hat mich schon mal in seinen Vortrag schauen lassen. Und da geht es auch massiv um unsere Zukunft: » … Schon zeichnen Prognosen, in diesem Fall von IT-Pessimisten, ein düsteres Bild der zukünftigen Lage. Laut einer neuen Studie der London School of Economics (LSE) sind die Revolutionäre 4.0, allen voran Roboter und Algorithmen modernster Provenienz, bereits dabei, allein in Deutschland 51,1 Prozent der Jobs zu übernehmen. Diesmal sind auch Tätigkeiten und Berufe betroffen, die bis dahin von den Revolutionen im IT-Bereich weitgehend verschont geblieben waren: Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte, Designer, Journalisten.« Und von mir aus können Sie die Marketer auch mit einbeziehen. 

Selbstverständlich sage ich »qualitativ hochwertige Produkte«. Aber nicht nur. Ob ich für Print eine »Überlebenschance« sehe, – ja klar. Es geht jedoch nicht ums Überleben an sich und es geht schon gar nicht um Nostalgie und Mitleid. Aber schauen Sie sich die Independent-Szene an. Ich selbst habe als Verleger von CUT – Leute machen Kleider miterlebt, welche – fast möchte ich sagen – hysterische Liebe dem Objekt entgegengebracht wurde. Und bei unseren jungen Freunden, die die Indiecon-Konferenz in Hamburg veranstalten, können Sie den Enthusiasmus für gedruckte Zeitschriften hautnah erleben.


Was können Marketer vom Boom der Indiemags, lernen – Zeitschriften, die unabhängig von Großverlagen und Unternehmen im Selbstverlag erscheinen und vor allem junge Zielgruppen begeistern?
Stellen Sie die Frage im Konjunktiv. Was »könnten« sie lernen. Sie beschäftigen sich nicht ernsthaft damit. Ich habe auf unserer letzten Konferenz eine Auswahl von circa 20 »Independent-Food-Magazines« vorgestellt. Die Essen-und-Trinken-Branche könnte von den außergewöhnlichen Ideen jahrelang leben, aber sie kriegen das nicht mit und glauben, noch eine gewisse Frist zu haben, sich im eigenen Saft zu wälzen. Aber der Innovationsdruck wird nicht abnehmen – im Gegenteil.

Treffen Sie Horst Moser vom 9. bis 11. März in München

ED:CH und IN:CH

© CPWISSEN am 30.01.2017 17:19

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