.: Strategie
Kindermedien-Kongress

"Die Social Media sind kein guter Kanal, um mit Kindern in den Dialog zu treten"

Wie lässt sich der Nachwuchs noch medial erreichen? Der Kindermedienkongress der Akademie der Deutschen Medien am 6. November sucht Antworten. Unter den Referenten: Professor Christian Montag von der Universität Ulm. Wir fragen ihn, was sinnvolle Kindermedien überhaupt ausmacht.

Prof. Christian Montag, Universität Ulm

Professor Christian Montag leitet die Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm. Auf dem Kindermedienkongress in München erläutert er die neuropsychologischen Mechanismen hinter der zunehmend digitalen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. 

 

Herr Professor Montag, die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte BLIKK-Studie kam 2017 zu der Erkenntnis, dass es signifikante Zusammenhänge zwischen motorischer Hyperaktivität, Konzentrations- und Sprachentwicklungsstörungen in Verbindung mit der Nutzung digitaler Bildschirmmedien gibt. Kann man Unternehmen empfehlen, Kindern überhaupt digitale Medien anzubieten?
Christian Montag: Nicht nur in der BLIKK-Studie, sondern auch in zahlreichen internationalen Studien konnte ein Zusammenhang zwischen „Internetsucht“ und ADHS nachgewiesen werden. Auch in meiner Arbeitsgruppe konnten wir einen solchen Zusammenhang beobachten. Bei den meisten Studien handelt es sich aber um Querschnittsstudien, das heißt es ist unklar, ob ein Zuviel an Screen-Time zu mehr ADHS und ADHS-Tendenzen führt oder andersherum. Eine neuere Studie um den Wissenschaftler Kostadin Kushlev ist hier sehr hilfreich, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Diese Studie fand bei Erwachsenen tatsächlich Hinweise darauf, dass Smartphone-Nutzung zu ADHS-ähnlichen Symptomen führen kann, allerdings nur bei einer hochfrequenten Nutzung. Technologie ist per se in der Regel nicht gut oder schlecht, es kommt auf den Kontext und die Art und Weise der eigenen Technologienutzung an, um die Folgen richtig einzuschätzen. 

 

Schauen wir uns konkret Kinder bis zum Ende der Grundschule an. Sind digitale Medien angebracht oder eher nicht?
Vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der Forschung, auch im Kontext der Sprachentwicklung, würde ich bei Kindern zum digitalen Medienkonsum und Fernseh-/Blu-Ray-Schauen nur in sehr geringen Maßen mit altersgerechten Inhalten raten. Im frühkindlichen Alter – die American Academy of Pediatrics schlägt das erste und zweite Lebensjahr vor – sollte möglichst ganz darauf verzichtet werden. Ein eigenes Smartphone oder Tablet gehören meiner Meinung nach nicht in Kinderhände. Stattdessen ist es aber durchaus sinnvoll, Kinder in etwas höherem Alter unter Anleitung an Smartphone und Tablet heranzuführen. Leider fehlen im Großen und Ganzen längsschnittliche Studien, die genaue Hinweise auf entsprechende Altersklassifizierungen machen könnten. Solche Studien sind dringend nötig!  

 

Welche Bedeutung haben Printmedien?
In den genannten Studien geht es immer um den Umgang mit digitalen Welten, nicht um Printinhalte. Als Daumenregel würde ich ableiten, dass es generell zu keiner Schieflage zwischen Zuviel an Screen-Time und einem Zuwenig an Ausleben der kindlichen Grundbedürfnisse wie echtes Spielen mit anderen Kindern kommen sollte. Darunter verstehe ich auch Raufen und Toben. Nachweislich ist diese körperbetonte Form des Spielens nicht nur wichtig, um die Grobmotorik zu stimulieren, sondern auch, um soziale Kompetenzen zu erlernen und die mentale Gesundheit bei den Heranwachsenden zu fördern.

 

Lassen Sie uns nochmal kurz über die Sprachentwicklung sprechen. Sehen Sie Vorteile bei der Nutzung klassischer Printmedien gegenüber digitalen?
Es gibt viele Kinderbücher, die pädagogisch wertvoll sind und auch das Kopfkino der jungen Kinder stimulieren. Im Übrigen können Eltern zunächst durch Vorlesen und später auch durch gemeinsames Lesen Kinder an das Lesen von Büchern heranführen. Dies ist sinnvoll, um frühzeitig die Entwicklung eines großen Sprachschatzes zu fördern. Ich bin davon überzeugt, dass sprachliche Fähigkeiten, also sich gut in Wort und Schrift ausdrücken zu können, im Berufsleben eine von mehreren zentralen Fähigkeiten darstellen, um erfolgreich zu sein. Im Übrigen handelt es sich beim Vorlesen und dem gemeinsamen Lesen um ein soziales Erlebnis, indem Erwachsene und Kinder direkt miteinander kommunizieren. Auch solche gemeinsamen Erlebnisse sind von großer Bedeutung, wenn wir über eine sinnvolle kindliche Förderung nachdenken.

Ich denke bei Kindermedien noch immer an Salamanders Lurchi. Können Unternehmen heute über digitale Medien eine vergleichbare Nachhaltigkeit erreichen?
Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein solches Modell auch heute noch funktioniert. Hier wird eine Identifikationsfigur für Kinder geschaffen, die den Weg hin zu klassischen Printmedien ebnet. Allerdings ist auch klar, dass die Lurchi-Konkurrenz heute in den unendlichen Welten des World Wide Webs um einiges größer geworden ist. Kurzum, es ist im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie deutlich schwerer geworden, eine ähnlich hohe Sichtbarkeit wie Lurchi damals zu bekommen. Das spiegelt sich in ähnlicher Weise auch in den deutlich geringeren Einschaltquoten im Fernsehen wider. Ein kollektives Gedächtnis für Fernseherlebnisse lässt sich heute fast nur noch bei Fußball-Spielen der deutschen Nationalmannschaft zur EM oder WM schaffen. Bereits mit der Diversifikation des TV-Programms und schließlich der großen Konkurrenz durch die vielen Inhalte des WWWs und mittlerweile hunderten Apps für Tablet und Smartphone ist es viel mühsamer, eine sichtbare Identifikationsfigur zu kreieren. Auf der anderen Seite gibt es aber durch das Internet eine deutlich höhere Zahl an Vertriebskanälen und damit auch gute Möglichkeiten, mit gut durchdachten Konzepten "viral" zu gehen.

 

Was sollten Unternehmen dringend berücksichtigen, die mit ihren Medien Kinder erreichen wollen?
Gerade im Hinblick auf Printmedien sollten sie die jungen Eltern direkt ansprechen und explizit auf die Bedeutsamkeit des Vorlesens und dann auch des gemeinsamen Lesens hinweisen. Dafür gibt es einen recht einfachen Grund: Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen die Welt entdecken. Die direkte Umwelt der Kinder wird aber entscheidend durch das Elternhaus geschaffen, auch wenn mit zunehmenden Alter die Umwelt der Kinder immer mehr auch durch den Nachwuchs selber gestaltet wird. Mit anderen Worten: Damit das Buch auch in den deutschen Haushalten im 21. Jahrhundert eine zentrale Rolle spielt, müssen gerade für junge Eltern - auch mit kleinem Geldbeutel - interessante Printangebote gemacht werden. Solche Angebote sollen dazu animieren, Kindern vorzulesen oder gemeinsam die Welt - auch über das Buch - zu entdecken. Ich habe selber als Kind vorgelesen bekommen und mache das heute auch gerne bei meiner Tochter. Natürlich tue ich das, weil ich das genauso kennen- und wertschätzen gelernt habe.

 

Sind Social Media für den Dialog mit Kindern geeignet?
Nein, ich halte Social Media für keinen guten Kanal, um mit Kindern in den Dialog zu treten. Zumindest vertrete ich diese Meinung für die aktuell vorhandenen Online-Plattformen, die in der Regel darauf geeicht sind, Nutzer möglichst lange auf einem digitalen Kanal zu halten. Dadurch kommt es dann zu der erwähnten Schieflage zwischen einem Zuviel an Screen-Time und einem Zuwenig an Ausleben der genetisch verankerten Grundbedürfnisse. Zusätzlich gibt es auf den aktuellen digitalen Social Media-Kanälen zahlreiche Probleme wie Cybermobbing, die gerade für junge Menschen große Probleme mit sich bringen können. Auch aus diesem Blickwinkel ist die Nutzung von Social Media in der Kindheit sicherlich fehl am Platz.

 

Treffen Sie Professor Christian Montag auf dem Kindermedienkongress am 6. November im Literaturhaus München. 
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Kindermedienkongress der Akademie der Deutschen Medien

© CPWISSEN am 27.08.2018 17:10

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