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Quartalsergebnis

Die Snap-Story ist noch längst nicht zu Ende erzählt

Snap als Synonym fürs Geldversenken? Die Reaktion der Finanzanalysten auf die ersten Quartalszahlen nach dem Börsengang weist in diese Richtung. Doch sie scheinen den USP des Unternehmens nicht verstanden zu haben.

Snapchat Story

Die Wallstreet gibt sich verschnupft, und die Presse hustet. Snap enttäuscht, crasht oder verdirbt US-Anlegern zumindest die Laune, so lautet nahezu unisono das Presseecho auf die ersten Quartalszahlen seit Börsengang. Tatsächlich sind die Börsianer not amused: Der Umsatz liegt nach den ersten drei Monaten mit 149,6 Millionen US-Dollar um gut acht Millionen unter den von Finanzanalyst Thomson Reuters erwarteten 158 Millionen. Dass Snap zudem einen operativen Verlust in Höhe von 208 Millionen vermeldet, und dass jeder Nutzer von Snap bislang – bei einem auf 27 Milliarden Dollar gehypten Börsenwert – mit 168 Dollar bewertet war, jetzt aber nur noch für 90 US-Cent Umsatz steht, veranlasst Analysten gerade zu dicken Fragezeichen hinter der Equity-Story des wertvollsten Tech IPOs der letzten zwei Jahre.

Doch ein zweiter Blick lohnt. Gegenüber dem Vorjahres-Quartal zog der Umsatz um 39 Millionen US-Dollar an. Die Anzahl täglicher Nutzer legte im Vergleichszeitraum um acht Millionen oder 36 Prozent auf jetzt 166 Millionen zu, und das trotz Schwächen beim Zugriff mit Android-Smartphones, die zu beheben das schwächere Quartalsergebnis mitverursachten. Der durchschnittliche Umsatz pro User wuchs faktisch sogar um 181 Prozent.

Keine Frage, Facebook hat mehr User: 1,9 Milliarden folgen der Plattform weltweit, 349 Millionen allein in Europa. Selbst Instagram liegt inzwischen bei 600 Millionen. Dennoch wissen Social-Media-Profis in Zeiten von zweifelhaft „erwirtschafteten" Fan- und Follower-Gemeinden und einem andauernden Sperrfeuer mit Fake News sehr genau, was von sozialen Reichweiten wirklich zu halten ist. Facebook versagt aktuell als Informationskanal ebenso wie als Community-Builder. 

Kleiner und feiner kommt Snap daher und gibt User-Interessen den Vorrang vor User-Daten. Studien bestätigen treue Millenial-Follower-Gemeinschaften. Der Schutz der Privatsphäre ist mit zeitlich begrenzt ausgespielten Botschaften systemimmanent und hochgeschätzt. Snap-Strategiechef Imran Khan sieht den USP der Plattform im „Storytelling mit großem Engagement“. Das Flüchtigkeits-Prinzip überzeugt nicht nur, wen die Facebook-Egomanen abstoßen, sondern zunehmend auch ältere Nutzer. Die Hälfte der Nutzer in den USA sei über 25 Jahre alt, so Khan.

Vor allem aber weckt Video-Spezialist Snap zunehmend das Interesse der Werber, die allen Lob-Preis-Gesängen auf das klassische TV zum Trotz sehr genau wissen, was die Stunde geschlagen hat.

 

Der Trend zum Budgettransfer ins Netz ist unumkehrbar

In den USA hat die digitale Werbung mit  72,5 Milliarden US-Dollar Budget 2016 erstmals die TV-Werbung mit 71,3 Milliarden überholt. Neben Google und Facebook eine dritte offene Plattform als Alternative auf der Hinterhand zu haben, macht unabhängiger. Der Stories-Bereich von Snapchat zeigt unter „Shows“ mit NBC und ESPN schon heute Videos in TV-Qualität.

Snap-Gründer und CEO Evan Spiegel will Snap zum Scharnier zwischen analoger und digitaler Welt ausbauen. Die Snap-Spectacles zum Ad hoc-Übertragen von Reallife-Video-Content sind dazu ein erstes signifikantes Tool. Wenngleich die Pessimisten von der Börse bereits wieder zischeln: Mit einem Umsatz von 8,3 Millionen Dollar habe Snap zu wenig Brillen verkauft. Snap arbeitet derweil unbeirrt weiter: Eine 360-Grad-Kamera, die sich mit dem Smartphone koppeln lässt, soll bereits in Entwicklung sein.

Anders denken, Neues Wagen – das zeichnet Wirtschaft aus. Wer ausschließlich auf schnelle Gewinne schaut, verhindert Reifeprozesse und verschenkt Potenzial. Börsianer sollten Snap mit einer gewissen Verlusttoleranz und Durchhaltevermögen eine reelle Chance geben.
Pia Dahlem 

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© CPWISSEN am 12.05.2017 12:00

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