"Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema Newsrooms"
Zum 1. November 2010 trat Ex-Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer in die Geschäftsleitung von Hoffmann und Campe Corporate Publishing in Hamburg ein. Inzwischen hat er sich mit den Themen der Branche und denen von Hoffmann und Campe speziell intensiv auseinandergesetzt. Wie kann ein Journalist der ersten Wirtschaftsriege in Deutschland sowohl seinen Verlag als auch das Corporate Publishing insgesamt mit Erfahrung und Empfehlungen bereichern? Zum Beispiel mit Newsrooms - und mehr. CPWISSEN fragt nach.
Herr Ziesemer, was haben Sie in den vergangenen Monaten dazugelernt in Sachen Corporate Publishing?
Ich bin noch mitten in einer steilen Lernkurve, aber mich hat doch sehr überrascht, wie sehr diese Branche gerade im Umbruch ist – mit ebensoviel Veränderungsdruck wie -potenzial.
Ist der Umbruch gravierender spürbar als bei den klassischen Medien?
Nein, die Digitalisierung zwingt beide Bereiche gleichermaßen zur Umorientierung. Die großen Unternehmen, für die Hoffmann und Campe Corporate Publishing arbeitet, sind allerdings auch bereit, die notwendigen Budgets zur Verfügung zu stellen. Beispiel iPad: Wir haben bereits drei Apps für Kunden aufbereitet und in Apples App Store eingestellt. Das war zwar ein Kraftakt, doch zugleich ein für uns durchaus positiver Druck, weil er uns zwingt, ein Stück weit an der Spitze des technischen Fortschritts mitzumarschieren. Da tun sich klassische Medien, ehrlich gesagt, oft viel schwerer.
Man hört, Sie hätten das Handelsblatt auch verlassen, weil sie den ewigen Sparzwang satt hatten. Unter diesem Aspekt dürfte es Ihnen mit Kunden wie BMW, Evonik und anderen jetzt jedenfalls besser gehen.
Ich bin da nicht richtig zitiert worden. Bei den klassischen Medien sind alle zum Sparen aufgerufen, damit muss man fertig werden. Aber auch unsere CP-Kunden erwarten, dass wir mit ihren Budgets ordentlich wirtschaften und Kosten nicht aus dem Ruder laufen lassen. Der Unterschied besteht darin, dass ein Kunde wie BMW den absoluten Wunsch formuliert, auch bei den digitalen Medien vorneweg zu marschieren. Diese Haltung muss man sich in vielen klassischen Medien eher erkämpfen.
Also geht es Ihnen jetzt doch besser?
In gewisser Weise schon, wobei man umgekehrt auch sehen muss, dass die klassischen Medien auf einzelnen Gebieten schon weiter sind als das Corporate Publishing. Wir haben 2002 beim Handelsblatt den ersten Newsroom in Deutschland eingeführt – auch als Effekt unserer Kooperation mit dem Wall-Street Journal. Dieses Konzept, alle Medien aus einer zentralen Schaltstelle zu bedienen, wird erst jetzt verstärkt auch von Unternehmen für Kundenmedien nachgefragt.
Dann dürften Newsrooms ein neues Geschäftsmodell für Hoffmann und Campe Corporate Publishing werden?
Newsrooms sind jedenfalls ein Thema, mit dem wir uns derzeit intensiv beschäftigen. Wir haben auch schon erste Konzepte umgesetzt.
Bei wem?
Namen zu nennen, ist noch zu früh. Wir sind noch mitten in der Umsetzung. Ich kann hier jedenfalls sehr stark aus meinen Erfahrungen schöpfen, wenngleich man sie – wie immer – nicht eins zu eins übertragen kann. Ich kenne aber die Strukturen und weiß, welche technischen Fragen zu klären sind, damit das ganze überhaupt funktionieren kann, und wie man beispielsweise mit Redaktionssystemen umgeht.
Welche besonderen Herausforderungen stellen die Corporate Newsrooms?
Sie sind bei großen Unternehmen noch komplexer als bei den klassischen Medien, weil mehrere Sprachen und oft dutzende von Medien in Print- oder Digitalform zu organisieren sind. Es ist sehr anspruchsvoll, das ganze vernünftig zu organisieren.
Dazu kommt, dass Abteilungen zusammenarbeiten müssen, die lieber nichts miteinander zu tun hätten.
Stimmt, nur ist das bei einer Zeitung nicht anders. Man braucht deshalb ganz oben an der Spitze den unbedingten Willen zur Umsetzung, ansonsten scheitert man sehr früh an widerstrebenden Interessen. Und zudem geht es um beträchtliche Kosten für Hard- und Software, denen aber später auch erhebliche Einsparungen gegenüber stehen.
Welches ist der entscheidende Kostenfaktor?
Das Redaktionssystem ist sicher ein wesentlicher Posten. Aber entscheidender für den Erfolg eines solchen Projekts ist das inhaltliche und organisatorische Einbeziehen der Mitarbeiter.
Ist ein Newsroom auch für Hoffmann und Campe Corporate Publishing selbst ein Thema?
Nein, wir sind nach wie vor überzeugt, dass unsere Kunden ein Anrecht auf eigene Teams haben, die nur für sie arbeiten. Deshalb sitzt zum Beispiel auch die Redaktion des BMW Magazins in München. Die intensive Verbindung zum Kunden, das A und O im Corporate Publishing, würde darunter leiden, wenn alles zentral aus einem einheitlichen Bereich gesteuert würde.
Wo können Sie Hoffmann und Campe Corporate Publishing neben den Newsrooms weitere neue Impulse geben?
Ich trete nicht an, um das Corporate Publishing neu zu erfinden. Sicher werde ich mich bemühen, Kunden, vor allem auch Neukunden, von unserer Leistung zu überzeugen. Ich denke, zusätzliche Impulse kann ich beim Thema Beratung geben, einer Dienstleistung, die vom Corporate Publisher zunehmend erwartet wird. Als Wirtschaftsjournalist fällt es mir vermutlich leichter als anderen, mich in die Kommunikationskultur von Unternehmen hineinzuversetzen und zu überlegen, wo das Unternehmen eigentlich hin will. Das war auch in meiner früheren Position ein ganzes Stück weit meine Aufgabe gewesen.
Bislang hat der Kunde die Beratungsleistung vom Corporate Publisher gratis bekommen. Sehen Sie mit generell komplexeren Aufgaben im CP hier ein renditefähiges Geschäftsmodell?
Es ist sicher richtig, dass es bisher in der CP-Branche nicht gelernt ist, für Beratungsleistung zu zahlen. Andererseits sehe ich Hoffmann und Campe Corporate Publishing – vor allem ein Verdienst meines Vorgängers Manfred Bissinger – durchaus an der Spitze der Entwicklung. Er hat diese beratende Funktion in der Vergangenheit sehr erfolgreich wahrgenommen und ist ja auch weiterhin für den Verlag aktiv.
Sie sind nach wie vor Kolumnist beim Handelsblatt – neben Ihrer persönlichen Freude am Schreiben könnte man sich vorstellen, dass Ihnen die Nähe zur unabhängigen Wirtschaftspublikation auch Sympathien bei Ihren CP-Kunden bringt. Wie sehen Sie das?
Nein, das trenne ich sehr stark. Meine publizistische Arbeit setze ich aus einem Gefühl der politischen Verantwortung als Staatsbürger fort. Außerdem sind meine Kolumnen auch ein Zeichen der Verbundenheit zum Handelsblatt und seinem neuen Chefredakteur Gabor Steingart, den ich sehr schätze. Wobei ich – und meine Journalistenkollegen ganz gewiss nicht minder – strikt darauf achte, dass ich dort keine Unternehmen thematisiere, die unsere Kunden sind. Ich halte es absolut nicht für vertretbar, hier über Bande Interessen eines Kunden zu vertreten.
Schreiben Sie auch für das BMW Magazin?
Das wird sich vielleicht im einen oder anderen Fall mal ergeben, wobei ich zur Zeit mit anderen Themen unterwegs bin und das Gefühl habe, das BMW Magazin funktioniert auch ohne meinen Input sehr gut und auf hohem Niveau.
Haben Sie schon einen Tipp parat, wie man am besten an Neugeschäft kommt?
Mit eigenen Ideen den Vorstoß wagen und den dazu passenden Kunden suchen. Es macht keinen Sinn, nur darauf zu warten, dass irgendwo ein Pitch ausgeschrieben wird.
Das Gespräch führte Pia Dahlem
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© CPWISSEN 24.03.2011 16:42






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