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iPad Apps

Gründerzeiten für Corporate Publisher

Mit Print-Konventionen brechen und sich voll auf das neue Medium einstellen, rät Martin Reimund, Leiter Corporate Publishing bei der Profilwerkstatt, Darmstadt, allen Kommunikationsprofis, die sich jetzt mit dem iPad beschäftigen. Und das sind alle - davon ist Reimund fest überzeugt.

Gründerzeiten für Corporate Publisher

37 bis 55 Millionen iPads wird Apple in diesem Jahr verkaufen. Die Schätzungen renommierter Marktforschungsinstitute stützen die Annahme, dass Apple mit seinem Tablet in die richtige Lücke gestoßen ist. Andere Anbieter ziehen nach. In den nächsten Wochen werden Dutzende neuer Tablet-PC in den Markt kommen. Wer sich am Ende durchsetzen wird, lässt sich heute noch nicht endgültig sagen. Fest steht aber wohl, dass die kompakten Rechner für immer mehr Menschen Teil ihres Alltages werden, egal ob sie damit im Job Kunden beraten oder einfach nur gemütlich zu Hause auf dem Sofa surfen.

Für Verlage wie Unternehmen stellt sich dabei die Frage, ob sie entsprechende Angebote schaffen müssen. Die Antwort ist einfach: sie müssen. Doch damit hat man noch lange keine marktreife Lösung. Entscheidend ist die Frage, wie diese Angebote aussehen sollten. Mit seinem App-Store hat Apple eine Benchmark gesetzt. Mit dem iPhone kamen die Apps und damit eine völlig neue Mediengattung. Man benötigt zwar einen Internetanschluss, um sich die Apps herunterzuladen.

Apps kann man off- wie online nutzen.
Hat man sie aber einmal auf dem Tablet, kann man sie offline genauso gut nutzen wie online. Man kann also ganz entspannt im Zug oder Flugzeug die Tageszeitung oder ein Kundenmagazin lesen.

Apps bieten Zusatzgimmicks wie Hoccer.
Beispielsweise durch die Verknüpfung mit standortbezogenen Diensten. Mit der Applikation Hoccer beispielsweise können sich Besitzer unterschiedlichster Endgeräte heute schon Daten wie Bilder, Visitenkarten oder anderes einfach zuwerfen. Unglaublich, aber wahr: Das Gerät reagiert tatsächlich auf die Fang- und Wurfbewegung – und überträgt dann die Daten. Oder ein Dienst wie Qype, der mit Hilfe eingebauter GPS-Daten Restaurants oder Hotels in der Nähe ermittelt. 

Apps lassen sich medienadäquat aufbereiten.
Wer Apps gestaltet, muss sich nicht an Internet- und Browserstandards orientieren, sondern kann Design und Funktionalität auf das jeweilige Tablet maßschneidern. Gerade für Magazine ist dies ein wichtiger Pluspunkt: Klassische E-Journals stoßen oft an ihre Grenzen, weil bestimmte Dinge einfach nicht gehen. Sie wirken daher häufig etwas bemüht. Über eine App bekommt man ein Format auf das Tablet, das wie Printmagazine ein Anfang und ein Ende hat, das in sich geschlossen ist, das aber darüber hinaus auch ganz viele Schnittstellen nach außen bieten kann. Etwa die Einbettung diverser Onlineseiten, von Social Media Angeboten oder über spezielle Rückkanäle, die Service- oder Verkaufsfunktionen erfüllen können.

Viele Unternehmen, Anwender und Entwickler stellen dennoch die Frage nach dem Sinn von Apps. Wäre es nicht viel einfacher, sämtliche Inhalte über Html-5-Internetanwendungen zugänglich zu machen und so den Umweg über App-Stores zu sparen? Die Experten streiten noch. Aber wer sich den Markt, die bestehenden Angebote aus den verschiedenen Welten vor Augen führt, kann zumindest im Moment noch einen deutlichen Unterschied erkennen. Wer einmal eine gut gemachte Magazin-App in der Hand hatte, wird die Defizite von internetbasierten Inhalten schnell spüren.

So muss der Anwender zwar beim Herunterladen der App ein wenig warten, weil er das ganze Magazin als Einheit herunterladen muss. Dafür kann er dann aber relativ ungestört durch das Heft „wischen“ und die multimedialen Funktionen der Apps nutzen.

Dabei kann und sollte eine App aber deutlich mehr bieten als eine erweiterte PDF-Funktion, angereichert um ein paar Videofilmchen oder Bildergalerien. Die App muss sich dem Leseverhalten anpassen. Text-, Bild-, und Videoelemente müssen sinnvoll miteinander kombiniert und aufeinander abgestimmt sein. Das bedeutet:

  • Weniger sichtbarer Text
  • mehr Optionen für Zusatzinformationen
  • Eine vereinfachte Leserführung durch Reduzierung auf das Wesentliche. 
  • Die Integration non-linearer Elemente. Das heißt: Wenn jemand ein Interview lesen möchte, muss man ihm nicht mehr einen x-hundert Zeilen langen Riemen vorlegen. Man kann das Interview beispielsweise auf die Fragen reduzieren und dem Leser überlassen, welche er so interessant findet, dass er die Antworten lesen oder hören möchte. 

Das erfordert natürlich ein Umdenken von Magazinmachern, sie müssen sich von der Vorstellung eines wie auch immer formatierten Blatt Papieres als Ausgabemedium lösen. Das kommt einer kleinen Revolution gleich. Denn Grafiker müssen sich von liebgewordenen Konventionen lösen. Weißraum, Seitenaufbau, der Einsatz von Bild und Bewegtbild – das sind wichtige Aspekte, die der Layouter nicht aus den Augen verlieren darf. Ähnlich geht es auch dem Redakteur. Er muss in völlig neuen Formaten denken. Es gibt eben nicht mehr nur die in einem heruntergeschriebene Success Story mit ein paar Infokästchen. Er muss sich mehr noch als früher die Frage stellen, was er bei seinem Leser erreichen möchte und wie ihm dies am besten gelingt.

Das Leseverhalten am Tablet ist viel stärker von Spaß geprägt als beim Papier. Das fängt beim Wischen und Schütteln an, wie das etwa das BMW-Magzin ganz nett praktiziert, wenn man durch Schütteln des iPads Buchstaben über den Bildschirm wirbeln lassen kann oder durch Wischen ein Auto lackiert. Der Spaß kann aber auch aus der Informationsaufbereitung kommen: Zu sehen etwa im Evonik-Magazin, bei dem verschiedene Grafiken animiert sind und der Leser durch Berühren des Bildschirms hilfreiche Zusatzinformationen erhält. Oder wie im Werkstattbrief der Profilwerkstatt: Wo der Leser frei entscheiden kann, ob er ein Interview lieber liest oder sich die filmische Variante davon anschaut.

Wie bereite ich dem Leser die größte Freude beim Aufnehmen von Informationen? Das ist die Gretchenfrage, der sich Corporate Publisher heute und in Zukunft stellen müssen. Wer ein wenig Spaß hat am Betreten neuer Pfade hat, für den sind diese Zeiten Gründerzeiten.

© CPWISSEN 11.02.2011 11:01

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