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Holger Koenig

Eine neue Technik ist noch kein Inhalt

Worüber reden wir ­eigent­lich, wenn wir über Virtual Reality reden? Holger Koenig, Chef der Agentur Koenigsfilm, ist Film- und Videoprofi und dafür bekannt, Tacheles zu reden. Vor allem, wenn die Branche zu schnell zu begeistert neuen Trends hinterherhechelt.

Eine neue Technik ist noch kein Inhalt
Holger Koenig

Die typischen Unterhaltungen zum Thema gehen ungefähr so: „VR, schon gesehen? Und die Zahlen! Das wird ein ganz heißer Markt! VR, also 360Grad? Oder Augmented? Echtzeit gerendert? Video? 360-Grad-­Drohne? Tolle Bilder. Cool, wenn man ...!“

Das macht es für die Produzenten nicht gerade leicht. Im Gegenteil. Der VR-Markt, ich sage lieber die VR-Nische, ist sehr komplex, ebenso wie die Produktion. Das liegt daran, dass Inhalt und tech­nische Umsetzung extrem mitei­nander verzahnt sind, wenn sie erfolgreich sein sollen.

Viele Chief Marketing Officers rennen jetzt los und sagen: Das müssen wir haben! Dabei meinen sie vor allem die Technik, zu der man dann eine passende Story entwickeln könnte. Man kann aber auch den anderen, für das Content Marketing sinnvolleren Weg gehen und fragen: Welche Geschichte will ich erzählen, und wie könnte ich sie in einer VR-Umgebung umsetzen?

Story braucht Action, ohne Action keine Story. Deshalb ist die Location einer VR-Produktion allein noch keine Story. Es ist sicher erbaulich, mit dem Smartphone in der Cardboard-Box den Vierwaldstätter See bei Sommerwetter zu überblicken, sich nach rechts und links zu wenden, in den Himmel zu schauen und dabei die Vögel singen zu hören. Aber leider auch nur ein einziges Mal. Dann muss etwas geschehen. Sich einfach nur umschauen ist keine Action. Das entscheidende fehlt: die Interaktion.

Eine technisch neue Aufbereitung
von Bildern ist kein Inhalt

Ich höre oft, dass in der Virtuellen Realität doch allein schon die Location ein Charakter sei. Dem kann ich nicht zustimmen. Eine technisch neue Aufbereitung von Bildern ist kein Inhalt. Doch Inhalt zählt. Deswegen muss man sich zu allererst fragen: Brauche ich überhaupt eine VR-Umsetzung für die Geschichte, die ich erzählen will?

Ein Beispiel ist der Hype um 3D: Fragen Sie doch mal unterschied­liche Leute, welche Filme ihnen einfalle, die durch den Einsatz von 3D gewonnen haben. Die Antwort ist unisono: Avatar, Gravity, Interstellar und dann noch Mad Max. 3D war ein Hype. Man sollte sich davor hüten, dem nächsten Scheinriesen auf den Leim zu gehen.

Das Storytelling für VR-Anwendungen ist bis auf ein paar Ausnahmen recht linear. Wer VR gut nutzen will, wird non-lineare Story Arcs bauen müssen, die zu­dem parallel verlaufen, sodass der User mit einer Kopfbewegung wechseln kann. Das macht man nicht mal so an einem Nachmittag. Eine solche Entwicklung braucht Leute mit Film­erfahrung. Dazu kommt dann auch noch die präzise Inszenierung beim Dreh, wenn mehrere Handlungen parallel verlaufen. OK, das ist dann die Königsdisziplin, aber dann macht’s richtig Spaß.

Wie überall in der Content­produktion gilt: Das kannst Du billig machen oder gut.

Effizient produziert man so:
• Erst die Idee, dann das Konzept, 
• dann die Technik für die Umsetzung bestimmen,
• und dann wird kalkuliert.

 
Holger Koenig ist Chef von Koenigsfilm

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© CPWISSEN am 13.07.2017 20:21

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