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Videomarketing

„Da ist die Angst, Entscheidungen zu fällen“

Obwohl viele (jüngere) Menschen Videos vor Text bevorzugen, tut sich mancher Kommunikationsprofi schwer, eine Filmproduktion zu beauftragen. Christian Muth, Dozent an der Leipzig School of Media (LSoM), kennt die Gründe.

Herr Muth, alle sprechen von Videomarketing, doch keiner traut sich an die Umsetzung. Richtig oder falsch? 
Beides. Im Alltag habe ich naturgemäß mit den Menschen zu tun, die Videomarketing einsetzen. Aber auch klar: Viele sind sich unsicher, ob Videoproduktion ein Thema für ihre Kommunikation ist.

Liegt das vermutete Defizit nur am mangelnden Wissen über Videomarketing und Videoproduktion? 
In jedem neuen Bereich trifft man Entscheidungen vorsichtig. Im Prinzip ist das Thema Videoproduktion den meisten von uns bereits gut bekannt. Jeder filmt inzwischen mit dem Smartphone die eigenen Kinder im privaten Bereich. Der Unterschied zum professionellen Marketing ist aber: Die Verantwortlichen müssen Ergebnisse liefern. Ohne Erfahrungswerte bedeutet die Maßnahme Videomarketing ein Risiko. Mit Websites ist das um die Jahrtausendwende ähnlich gewesen, auch da hatte man lange überlegt – heute hat jeder eine Website.

 

„Man setzt sich zusammen,
nennt ein Ziel, 
redet miteinander
und entwickelt eine Strategie.”


Ist Videomarketing genauso wichtig wie eine Website?
 
In manchen Fällen ist es noch bedeutsamer, aber das ist kontextabhängig. Manche Prognosen sehen 70 Prozent des relevanten Contents im Netz der Zukunft als Bewegtbild. Vor allem junge Menschen suchen im Internet nicht nach Texten. Wenn sie wissen möchten, wie ein neues Gerät funktioniert, dann suchen sie nach einem Erklärvideo und laden keine PDF-Anleitung herunter.

Wenn in fortschrittlichen Unternehmen eine neue Software eingeführt wird, es Änderungen in der Unternehmensorganisation gibt, dann werden Informationen und Emotionen in Bewegtbild vermittelt. Das funktioniert oft besser als mit langen Rundmails.


Christian Muth / Leipzig School of Media

Ist die Vielzahl der Formate und Kanäle beim Videomarketing auch ein Grund für Verunsicherung? 
Zweifellos, die Bandbreite ist enorm: kurze Handyvideos, Erklärvideos, Produktvideos bis hin zu Imagefilmen und Werbefilmen in Spielfilmqualität. Wer das Thema angeht, sollte die Möglichkeiten und Ziele analysieren, daraus leiten sich die Formate ab und auch die Entscheidung, ob man es selbst produzieren kann oder jemanden beauftragen sollte.

Diese Frage werden Sie jetzt entrüstet verneinen, wir stellen sie aber dennoch: Verschlingt Videomarketing nicht unheimlich viel Budget? 
Entrüstet: Jein. Generell ist professionelle Kommunikation nicht aus dem Ärmel zu schütteln. Am besten funktioniert das Spiel immer noch nach alter Väter Sitte: Man setzt sich zusammen, nennt ein Ziel und ein Budget, redet miteinander und entwickelt eine Strategie. Grundsätzlich ist Videomarketing aber keine Frage des Geldbeutels, es ist eine Frage der Ziele. Wir haben schon mit guten Ergebnissen für kleine Bäckereien gefilmt und für internationalen Konzerne gearbeitet.

 

„Essen muss lecker aussehen.
Sonst vergeht dem
Zuschauer der Appetit.”


Müssen Unternehmen in Zeiten von Facebook-Live, Periscope und Snapchat noch hochprofessionell produzieren, oder lassen sich auch mit semiprofessionellen Videos gute Erfolge erzielen?
 
Das entscheidet allein die Sehgewohnheit der Zielgruppe. Geht es um hochwertige Uhren oder Autos, erwartet der Betrachter excellente Bilder, die ihm Wertigkeit vermitteln, er will da keine Wackel-Videos sehen. Das YouTube-Video eines Influencers aber, der eine Testfahrt mit dem gleichen Auto macht, darf handwerkliche Schwächen haben, weil es in diesem Kontext als authentisch gilt. Bei Food allerdings sollte man die handwerklichen Regeln des Fotografierens und Filmemachens genau einhalten: Essen muss lecker aussehen. Sonst vergeht dem Zuschauer der Appetit.

Beim LSoM-Seminar Videomarketing, bei dem Sie als Dozent auftreten, lernen die Teilnehmer auch, wie sie selbst kleinere Videobeiträge planen und erstellen. Wo liegen die Grenzen solcher Inhouse-Produktionen, wann sollte man eine Agentur einschalten? 
Vielen Unternehmen gelingt die eigenständige Videoproduktion recht gut. Wir haben viele Kunden, die wir nur bei Bedarf unterstützen. Zweifellos lässt sich Geld sparen, es fragt sich aber: Wer im Unternehmen macht es? Der Praktikant, der nach einem halben Jahr weg ist? Ein eigenes professionelles Team? Hier sollte man sich sehr genau fragen, was nachhaltig ist. Dann kommt man wieder zu den Schlüsselfragen zurück: Was möchte ich, und welche Möglichkeiten stehen mir zur Verfügung?

 

„Schwer ist es, wenn man eine Garage
aus Stein baut und der Kunde hinterher
einen Carport aus Holz will.“

 

Und wann sollte man unbedingt den Profi anrufen?
Bei Videos, die in kürzester Zeit überzeugen müssen und die wichtige Botschaften aussenden sollen. Werbespots oder Videos am Messestand, die in wenigen Sekunden die Leistungsfähigkeit und Kompetenz des Unternehmens zeigen müssen. Dies basiert auf Storytelling und professionellen Gestaltungsmöglichkeiten.

Wo sehen Sie kritische Punkte in jeder Zusammenarbeit? 
Man sollte immer genügend Zeit in die Vorbereitung investieren und über alles miteinander sprechen. Die eigentliche Videoproduktion ist für Agenturen Handwerk, das sie beherrschen und das ihnen schnell gelingt. Ähnlich, wie wenn man eine Garage baut. Schwer ist es, wenn man eine Garage aus Stein fertigt und der Kunde hinterher klagt, er hätte lieber ein Carport aus Holz gehabt. Je besser also die Abstimmung vor Produktionsbeginn, desto weniger muss man hinterher reden.

→ Weitere Informationen zum Seminar 
Website von Muthmedia

→ Wie Unternehmen und Organisationen ihre eigenen Möglichkeiten analysieren und Videomarketing sinnvoll in ihre Kommunikationsstrategie einbetten können, lernen Teilnehmer des LSoM-Seminars Videomarketing vom  15. bis 17. Februar 2018.  Weitere Themen der Weiterbildung sind die Konzeption von Videobeiträgen, die Inhouse-Produktion von Videos und die Zusammenarbeit mit Agenturen.

Interview: Alexander Laboda

© CPWISSEN am 23.10.2017 17:33

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